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Hier steht der türkische Metzger neben dem Brandenburger Biogärtner und der libanesische Fladenbrotbäcker neben der Berliner Blutwurstmanufaktur. Kartoffeln und Äpfel mitten in der Großstadt und doch wie aus Omas Garten. Den wirtschaftlichen Gedanken eines überdachten Marktplatzes als Verkaufsplattform für regionale Händler und Produzenten greifen wir auf, um ihn vor dem Hintergrund veränderter Einzelhandelsstrukturen und moderner Ernährungstrends neu zu interpretieren. Die Markthalle IX, wie wir sie uns vorstellen, fördert den kleinteiligen, qualitätsbezogenen Einzelhandel sowie die regionale Lebensmittelproduktion und -verarbeitung. Sie steht für eine verantwortliche, natürliche Herstellung von Lebensmitteln und eine artgerechte Tierhaltung. Da Qualität nicht teuer sein muss und auf eine ausgewogene Preisstruktur Wert gelegt wird, passt dies auch zur angestrebten integrativen Funktion der Markthalle. Denn zum umfassenden Sortiment zählen einfache, aber gute Speisen und kieztypische Gastronomie ebenso wie Exotisches und Festtagsspezialitäten. Das besondere Angebot und die einzigartige Atmosphäre der neuen Markthalle IX werden durch die architektonische Gestaltung der alten Eisenbahnmarkthalle noch betont und verstärkt. Analog zum Gesamtkonzept soll die historische Bausubstanz behutsam freigelegt werden, um ihre Geschichte wieder erfahrbar zu machen und gleichzeitig Raum für moderne Interpretationen zu schaffen.
Die historische Front zur Eisenbahnstraße mit ihren kleinen Läden und Markisen wird in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt und die Eingänge zur Halle werden wieder nach oben geöffnet. Die Außenflächen sollen weiterhin für Gastronomen und Ladengeschäfte zur Verfügung stehen. Im Keller werden nach Möglichkeit neben dem zu erweiternden "Privatclub" weitere Kulturflächen erschlossen (z.B. als Jazzkeller oder Proberäume für junge Bands). Unser Verständnis einer Markthalle entspricht der Idee einer Stadt in der Stadt: ein Mikrokosmos von großer Vielfalt entsteht durch das unmittelbare Aufeinanderprallen unterschiedlichster Menschen und Waren. Als Ort der Begegnung und des Verhandelns ist eine Markthalle ein wichtiger öffentlicher Raum, der sogleich vielfältige soziale und politische Funktionen übernimmt und durch seine Kleinteiligkeit individuelle Differenziertheit und transparenten Austausch ermöglicht. Der soziokulturelle Aspekt der Halle und die enge Einbindung der Nachbarschaft ist ein zentrales Anliegen des Konzepts. Städtebauliche Grundüberlegungen sind insofern für die Systematik und räumliche Vernetzung des Marktes essentiell. Voraussetzung für die Entwicklung der Markthalle als Erweiterung des öffentlichen Raums ist eine flexible Grundstruktur die Raum für Aneignung und Unvorhergesehenes bietet und unterschiedlichsten Anforderungen gerecht wird, wie der historischen Umgebung, ökonomischer Dichte und gestalterischer Vielfalt. Inspiriert wurden wir durch das Manila Housing Projekt von Steven Holl.
Diversität entsteht nicht plötzlich von allein. Sie braucht Zeit, Auseinandersetzung und Flexibilität. Eine prozessuale Entwicklung ist Voraussetzung für eine vielschichtige Nutzungsstruktur und fördert die vielfältigen Identifizierungsprozesse mit dem Raum und seinem Potential. Auf den freien Flächen wollen wir an zwei Tagen der Woche mit einem Marktbetrieb anfangen und auch das Gastronomieangebot in der Halle zügig erweitern. An den anderen Tagen werden, wie schon in der Phase der Zwischennutzung, Veranstaltungen wie zum Beispiel ein regelmäßiger Flohmarkt stattfinden. Der Markt wird sich räumlich und zeitlich ausweiten und suksessive die Discounter in der Halle ersetzen. Die Nachhaltigkeit des Konzeptes wird durch die auf die Bedürfnisse der Marktteilnehmer angepasste, schrittweise Entwicklung sichergestellt. Im freigelegten Innenraum der Halle greift ein modulares System flexibler Räume die Idee eines überdachten Marktplatzes wieder auf und bietet gleichzeitig den Rahmen für jene Kreativität, die Berlin gerade in Kreuzberg ausmacht. So wollen wir die Halle "langfristig in eine Art kleine Idealstadt, eine Kultur-Landschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts, eine Sozialmaschine verwandeln" (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Januar 2010).
Eine einfache Konstruktion aus Stahlrahmen ist das Grundelement aller Marktstände. Dieses modulare Marktstandsystem verbindet die historische Gliederung der Halle mit neuen räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Es bietet eine variable Basis und Infrastruktur um sich an Entwicklungen und veränderte Anforderungen des Marktes anzupassen. Die modulare Struktur regt an, sich Raum zu nehmen, sich zu entwickeln, sie lädt ein zum testen und experimentieren, funktional und auf verschiedenen Zeitebenen. Vielfältige Nutzungen sind nicht nur dauerhaft sondern auch temporär vorstellbar. ![]()
3 Pavillons formieren sich in der Mitte der Markthalle. Diese fördern den sozio-kulturellen Aspekt und ergänzen den Markt mit spezifischen Funktionen. Sie sind Treffpunkt, Aussichtspunkt, Imbiss, Küche, Sitzgelegenheit, Kino, Rednerpult, Rathaus, Gasthaus und vieles mehr. Gemeinsam bilden sie einen Aktionsraum im Zentrum der Halle der in Kombination der variablen Nutzungen der Pavillons ständig seine Erscheinung verändert und jederzeit einlädt, das Zentrum der Halle aktiv mit zu gestalten. Das Konzept soll die Entwicklung eines Ortes fördern, der die vielfältigen Bedürfnisse einer diversen Stadtgesellschaft abbildet, die sich bewusst mit ihren Lebensbedingungen auseinandersetzt. Ein Marktplatz, der Identität stiftet und stark verknüpft ist mit den Bedürfnissen des Kiezes und zugleich eine außergewöhnliche Ausstrahlung und Anziehungskraft besitzt. Verantwortliches Arcihtekturbüro: raumlabor berlin |