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Die Geschichte der Kreuzberger Eisenbahnmarkthalle ist 120 Jahre alt: Am 1. Oktober 1891 wurde sie als "Markthalle IX" offiziell eröffnet. Sie ist ein historisches Baudenkmal, denn sie gehört neben der Moabiter Arminiusmarkthalle und der Ackerhalle in Mitte zu den drei letzten erhaltenen von ehemals vierzehn historischen Markthallen Berlins. Diese umfassten zwei Zentralmarkthallen und zwölf Bezirksmarkthallen, wozu auch die ursprüngliche Marheinekehalle (Bergmannstraße) zählte, die allerdings im Krieg zerstört und 1951 durch einen Neubau ersetzt wurde. Der Berliner Magistrat ließ alle Markthallen Ende des 19. Jahrhunderts errichten, um die zwanzig Wochenmärkte und den Straßenhandel durch witterungsunabhängige und hygienischere Einrichtungen zu ersetzen. "Die Bezirksmarkthallen errichtete man generell in dicht besiedelten Wohnquartieren, in denen bereits Wochenmärkte abgehalten wurden. Diese waren ein integraler Bestandteil des Berliner Handels- und Versorgungslebens und gingen häufig schon auf Zeiten zurück, in denen in den anliegenden Wohnhäusern noch keine Ladenlokale existierten. Die rasant wachsenden Einwohnerzahlen Berlins in den Zeiten der Frühindustrialisierung sorgte auch für die rasche Verbreitung dieser Handelsplätze, die darüber hinaus in der Regel an Orten lagen, zu denen die vorwiegend aus den ländlichen Gebieten außerhalb des Weichbildes der Stadt kommenden Händler ungehindert über die Landstraßen gelangen konnten. [...] Im näheren Umfeld des Lausitzer Platzes existierten zwei Wochenmärkte, der erste auf dem Platz selbst, der andere am entfernter gelegenen Oranienplatz. Die Entscheidung zum Bau der Markthalle IX an ihrem jetzigen Standort fiel in die dritte und damit letzte Phase der Errichtung der Berliner Bezirksmarkthallen. Gleichzeitig mit ihrer Realisierung oder kurz zuvor entstanden die sie umgebenden Mietwohnhäuser an der Eisenbahn-, der Wrangel, Waldemar- und Pücklerstraße. Damit bildet das Geviert ein spätes architektonisches Zeugnis in der baulichen Erschließung der Luisenstadt. Die westlichen und nördlichen Wohnblöcke waren bereits in den 1870er und 1880er Jahren fertiggestellt worden." (Dr. Peter Lemburg, Denkmalpflegerisches Gutachten, 2007, Bureau für Architektur und Baugeschichte). Die architektonische Konzeption aller 14 (ehemaligen) Markthallen geht auf den Architekten und damaligen Stadtbaurat für Hochbau Hermann Blankenstein (1829-1910) zurück. Dessen Mitarbeiter August Lindemann (1842-1921) war maßgeblich für die Gestaltung, insbesondere die technischen und baulichen Details der Markthalle IX (Eisenbahnmarkthalle) verantwortlich, während die Bauleitung dem freien Architekten Otto Merget (1843-1921) übertragen wurde. "Die lichte innere Struktur der Halle war auf nahezu 300 Stände projektiert - das entspricht dem drei- bis fünffachen eines üblichen Wochenmarktes, und allein das belegt einen beträchtlichen Vorteil der Markthallen gegenüber dem offenen Marktplatz. Die Stände ordneten sich, zu Achter- und Zwölfergruppen zusammengefasst, links und rechts der 9 Meter breiten Durchfahrt an [s. historischer Grundriss]. [...] Die Händler konnten direkt mit ihren Marktwagen an ihre Stände heranfahren. [...] Während die freistehenden Stände keine Abdeckung oder obere Aufbauten besaßen, wurden den Fleisch- und Fischständen nach einigen Jahren der Erfahrung die Standorte an den Umfassungsmauern zugewiesen. Sie reihten sich also an den Längsseiten und entlang der Straßenflügel auf, besaßen in der Regel dekorativ profilierte Rahmenwerke mit den fest installierten Bezeichnungen und Standnumerierungen. Sie waren mit Türen und Jalousien fest verschließbar. [...]
Zur Straße schloss ein halbhohes, schmiedeeisernes Tor die die Einfahrt ab, während die Halle selbst durch raumhohe Glas-Eisen-Toranlagen mit dahinter liegenden separaten Windfängen verschlossen werden konnte. [... ] Während der Riegel an der Eisenbahnstraße einhüftig angelegt wurde und im Erdgeschoß Ladeneinbauten, im Obergeschoss zunächst Lagerflächen, dann aber Kleinwohnungen ehemals für die Hallen-Bedienstete aufweist, erhielt der Riegel an der Pücklerstraße ein höheres Gewicht. Er ist zweihüftig und besitzt im Erdgeschoß jeweils links und rechts der Durchfahrt große Räumlichkeiten für gastronomische Einrichtungen und Verwaltungszwecke. Darüber befinden sich zwei großzügiger dimensionierte Wohnungen für die damalige Hallenleitung. [...] Die beiden Straßenfassaden repräsentieren zwar eine Architektursprache und Stilauffassung, sind aber unterschiedlich gewertet. Die Eisenbahnstraße war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt worden und über die Brommy-Brücke mit dem jenseits der Spree gelegenen Friedrichshain verbunden [s. Lageplan von 1896]. In ihr verkehrte die Pferdestraßenbahn, und entsprechend stark wurde sie auch von Fußgängern frequentiert. Folgerichtig legten die Planer der Markthalle an dieser Straße die separat und fest zu vermietenden Läden an und bildeten die dominierende Schaufensterfront aus. " (Dr. Peter Lemburg, Denkmalpflegerisches Gutachten, 2007, Bureau für Architektur und Baugeschichte). ![]() ![]() ![]() Den weiteren Verlauf der Geschicht der Eisenbahnmarkthalle von 1933 bis heute beschreibt die Historikern Angela Martin wie folgt: "1933 – 1945 Die Nazis kamen, der Krieg begann kaum einer, der sich der Folgen besann. Die Fenster der Halle wurden schwarz gestrichen, „damit die Tommies uns nicht erwischen.“ Die Halle wurde nicht schwer getroffen, nur im Häuserkampf wurde sie heftig beschossen. 1945 – 1951 Dann war er da, der gefürchtete Frieden. Es wurde gehungert und Schwarzmarkt betrieben. Ehrbare Witwen und ihre Kinder Handelten jetzt, im Sommer und Winter. Die Männer waren tot oder kamen mit Glück invalide, zerlumpt und mager zurück. Drei Jahre vergingen, dann war man bereit und die Halle wurde erneut eingeweiht. Und nochmals drei Jahre gingen ins Land, bis ’51 das Jubiläum stattfand. Mit Kränzen und Wimpeln feierte man, mit Pomp und Politik – jeder Nachbar kam. Sie war wieder das Zentrum, die alte Halle. Man ging gerne dorthin, denn ziemlich alle kamen auch, um Bekannte zu sehen, um Informationen zu tauschen, dann einkaufen zu gehen. 1977 – 2003 1977 kam ALDI, und damit begann was man den Abstieg der Halle nennen kann. Bald folgte Drospa, zuletzt auch noch KIK. Für die kleinen Händler war das kein Glück. Immer mehr Stände wurden verlassen. Tristesse und Öde beherrschten die Gassen zwischen den leeren einstigen Läden. Neue Kioske konnten das nicht beheben. 2009 – 2010 Die Anwohner waren sehr unzufrieden. Ach wären die Kleinhändler doch geblieben! Gemeinsam hat man dann nachgedacht und aus der Halle einen Treffpunkt gemacht. Und nächstes Jahr, wenn alles glückt wird die Halle mit zig Ständen bestückt. Eine „Halle für alle“, bunt, voller Leben, nicht ganz so streng ökisch, für alle eben." Geschichte I Lageplan von 1896 I Schnitt um 1886 I Grundriss um 1886 |